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"Wir durften den Vater nicht fragen" / Mein Vater war ein SS-Mann |
Im Dezember ist es Sommer in Paraguay, und der Sommer ist heiß. Weihnachtliche Stimmung will nicht aufkommen bei den Deutschen, die in dem kleinen südamerikanischen Land leben. Es war im Dezember 1981. Ingeborg Weise saß auf der Terrasse eines kleinen Cafés in Ascuncion. Ihr machte die Sonne schwer zu schaffen, die ungnädig auf die paraguayische Hauptstadt brannte. Immer wieder griff sie zu ihrem Taschentuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Wie sehr wünschte sie sich, ein kühler Luftzug möge die drückende Hitze mildern! Wehmütig erinnerte sie sich an die Vorweihnachtszeit in ihrer Heimat: die trockene Kälte, die Eisblumen am Fenster, der Schnee. Ingeborg Weise warf einen Blick auf die beiden Frauen, die mit ihr am Tisch saßen, Hildegard K. und Gerda M. Die Temperatur schien sie ebenfalls zu plagen: ihre Gesichter waren gerötet, die Haare schweißverklebt. Auch Hildegards Gedanken hingen am Winter in Deutschland: "Ich rieche förmlich den Schnee", seufzte sie. Ein unbedacht geäußerter Satz. Ein Satz zuviel. Die Atmosphäre schlug um, wurde plötzlich angespannt. Etwas Bedrohliches lag in der Luft. Gerda war die erste, die es spürte. Hastig blickte sie zu Ingeborg Weise: Hat sie etwas bemerkt? Sekundenlang lastete ein unerträgliches Schweigen auf der kleinen Runde. Dann brach es aus Gerda M. heraus: "Wie kannst du den Schnee riechen", herrschte sie Hildegard K. an, "Du warst doch noch nie in Deutschland". Erschrocken und ängstlich fuhr Hildegard zusammen. Wieder ist sie unvorsichtig gewesen. Und wieder hat sie sich verraten: Sie war eine Deutsche, und sie hat auch in Deutschland gelebt. Niemand durfte die wahre Identität der beiden Frauen erfahren. Wenn jemand sie danach fragte, gaben sie vor, sie seien in Paraguay geborene, deutschsprechende Mennoniten. Hildegard K. und Gerda M. lebten in ständiger Angst vor der Enttarnung. Sie befürchteten, irgendwann einmal für ihre Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden. In Asuncion erzählte man sich, daß die beiden Frauen Krankenschwestern in Auschwitz gewesen seien. Ihr Vorgesetzter: der KZ-Arzt Josef Mengele. Ingeborg Weise ahnte schon immer, daß die Biographien, selbst die Namen der beiden, erfunden waren. In Asuncion arbeiteten sie wieder als Krankenschwestern. Oft beklagten sie sich über die paraguayischen Kinder, die bei den Spritzen weinten: "Früher gab's das nicht, da durften die Kinder nicht weinen. Die mußten tapfer sein." Ingeborg Weise: "Mein Mann und ich haben uns nur angesehen: Wir wußten, welche Kinder nicht weinen durften". Heute arbeitet Ingeborg Weise in einem Schuhgeschäft im Berliner Bezirk Schöneberg. Man sieht der attraktiven 61jährigen nicht an, welche Erfahrungen sie machte, welches Leben sie hinter sich hat. Ein Leben, das entscheidend vom Nationalsozialismus geprägt wurde und ein Stück deutsche Geschichte widerspiegelt. Nur selten spricht sie über ihre Erinnerungen: ihre Kindheit in Polen, das die Deutschen besetzt hielten; ihre Jugend in einer Siedlung mit Nazideutschen, mitten in Paraguay. Dorthin floh ihr Vater nach Kriegsende: Er war Offizier der SS. Ingeborg, 1932 in Lodz geboren und deutschstämmig, war noch ein Kind damals, als sie zum ersten Mal das jüdische Ghetto entdeckte; es befand sich in der Nähe ihres Elternhauses. Ihre Tante lebte auf der anderen Seite des Ghettos; wollte Ingeborg sie besuchen, fuhr sie jedesmal mit der Straßenbahn durch. Sie hat die Juden oft gesehen, die dort eingesperrt waren, doch sie machte sich keine Gedanken darüber: "Das sind eben Juden", lautete die damals übliche Erklärung. Eines Tages räumten die Nazis das Ghetto: ob Männer, Frauen oder Kinder, Alte oder Junge - alle wurden abtransportiert, ohne Ausnahme. Ihr Weg endete in einem der Vernichtungslager. Das leerstehende Ghetto lockte Kinder aus der Umgebung an. Gemeinsam mit anderen durchstöberte Ingeborg die Wohnungen der jüdischen Familien, die vieles zurückließen. Damals wußte sie noch nicht, warum die Menschen abtransportiert wurden, wohin man sie brachte und was mit ihnen geschah. Später - nach dem Krieg - erfuhr sie von Auschwitz. Sie sah die Bilder der Leichenberge. Sie sah die Bilder der Gaskammern. Ehemalige Nachbarn: verhungert, gefoltert, ermordet. Für Ingeborg brach eine Welt zusammen. Die Familie mußte fliehen. Sie packten ihre Habseligkeiten zusammen und machten sich auf den Weg nach Südamerika, Zufluchtsort vieler "Nazi-Größen" wie Josef Mengele oder Adolf Eichmann. Die Flucht endete in Hohenau, einem kleinen Dorf, mitten im Urwald. Gerade mal 300 Einwohner zählte die Gemeinde Anfang der 50er Jahre. Die Hütte, in der sie hausten, war primitiv zusammengebaut. Es gab im ganzen Dorf kein fließendes Wasser, keine Toilette. Insekten, Schlangen und die große Hitze plagten sie und ließen sie nachts kaum schlafen. Doch immerhin gab es Menschen mit der gleichen Geschichte: Deutsche, die aus ihrem Land geflohen sind. Die Mutter und die Kindern gewöhnten sich nur schwer an die neue Existenz, zu groß war der Unterschied zu ihrem Leben in Polen. Für Ingeborg, mittlerweile eine junge Frau Anfang 20, gab es in Paraguay keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Sie verbrachte die Tage, indem sie ihren Eltern bei der Arbeit half. Der Vater bestellte das Feld: Er baute Mais an. Der Krieg hatte deutliche Spuren bei ihm hinterlassen. Er war verändert und redete kaum noch mit jemandem. Die Familie litt unter seiner Schweigsamkeit, besonders seine Frau: "Meine Mutter wurde mit der Zeit zunehmend depressiv. Wir haben unseren Vater oft gefragt, ob wir nicht zurück nach Deutschland können, aber er wollte nicht. Er hat uns nicht gesagt, warum. Wir durften nicht fragen." Ingeborg Weise versichert, daß die Bewohner Hohenaus unverzeihliche Verbrechen begangen haben: "Viele waren Aufseher in den KZs. Wenn Sie die Gesichtsausdrücke der Menschen gesehen hätten, dann wüßten Sie Bescheid". Das Wissen um die begangenen Greuel schweißte die Gemeinschaft zusammen. Auch das Heimweh verband sie: "Alle, alle wären sofort wieder nach Deutschland zurückgegangen". Ingeborg Weise erinnert sich an einen Nachbarn, der einmal heulend gestand: "Wenn ich nur könnte, auf allen Vieren würde ich nach Deutschland zurückkriechen". Angst beherrschte das Leben in Hohenau: Angst vor Vergeltung, Angst vor Verrat. Als General Strössner die Macht in Paraguay übernahm, betätigten sich die Dorfbewohner als Spitzel. "Jeder hat jeden bespitzelt. Wenn einer dort gegen die Nazis oder Strössner war, hat er nichts zu lachen gehabt". Elemente, Riten und Symbole der NS-Diktatur überlebten in Hohenau. Die Männer sprachen sich mit ihren SS-Titeln an und hielten sich strikt an die alte Hierarchie: Wer während der nationalsozialistischen Herrschaft Befehle erteilte, hatte auch hier das Sagen. In den Hütten der Deutschen hing Hitlers Konterfei an der Wand; eine Familie besaß sogar eine Büste von ihm. Der 20.April war der Höhepunkt des Jahres: Die Dorfgemeinschaft feierte Hitlers Geburtstag, jedes Jahr wieder. Die bedrückende Stimmung, die Hohenau sonst wie eine Nebelwolke einhüllte, verschwand: Zum Vorschein kam der Geist des NS. Die Stille des Urwaldes wurde durchbohrt von grölenden Männerstimmen. SS-Abzeichen und Nazi-Orden schepperten an den Uniformen. Ingeborg zuckte zusammen, als plötzlich eine angetrunkene Gruppe neben ihr das Horst-Wessel-Lied anstimmte. Der Geruch von Alkohol, der aus ihren aufgerissenen Kehlen drang, war ihr unerträglich, widerlich. Die protzige Selbstgefälligkeit der Männer stieß sie ab: "Sie sind durchs ganze Dorf gerannt und haben gegrölt, daß sie die Juden zu Tausenden umgebracht haben". Hitler- und Goebbelsreden drangen aus den Lautsprechern und ernteten donnernden Applaus. Und immer wieder: "Heil Hitler!". Noch einmal schwelgten sie im Rausch der Größe, der Macht und der Unbesiegbarkeit. "Es war ein unheimliches Spektakel, wie eine schwarze Messe", sagt Ingeborg rückblickend. Verwirrt war sie damals. Die Feierlichkeiten der Erwachsenen fand sie nicht bloß lächerlich, sondern auch bedrohlich. Irgendetwas stimmte nicht, schien so gar nicht zu allem anderen zu passen: zu den Leichenbergen von Auschwitz und zu der angstvollen und depressiven Stimmung, die sonst in Hohenau herrschte. Im Alltag sprachen die Menschen nie über die Vergangenheit, vor allem nicht über ihre eigene, ganz persönliche: "Jeder hat irgendwie versucht, alles zu verdrängen, was damals geschah." Die Erinnerungen quälten sie, ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Und doch fühlten sie sich im Recht, denn "sie haben es ja für den Führer getan". 1954 verließ Ingeborg Südamerika. Kurz zuvor hatte sie in Hohenau ihren späteren Mann Gerhard kennengelernt, Sohn eines gesuchten Aufsehers aus dem KZ Dachau. Nach 20 Jahren zog es beide wieder zurück nach Paraguay; in der Hauptstadt Asuncion eröffneten sie ein kleines Hotel. Zum Hotel gehörte ein Café, das häufig auch deutsche Gäste besuchten - Deutsche aus den Nazi-Siedlungen, von denen es mehrere gab in Paraguay. Eine davon war Bella Vista: Hier soll sich, so erzählten sich die Deutschen in Hohenau, Josef Mengele verschanzt haben. An einem Nachmittag des Jahres 1982 will ein Stammgast des Cafés einen prominenten Besucher bemerkt haben: Josef Mengele. Er soll mit zwei Leibwächtern auf der Terrasse des Cafés gesessen haben, drei Jahre nach seinem offiziellen Tod. Ingeborg Weise erinnerte sich an den alten, hageren Mann mit dem Schnurrbart und dem schütteren Haar: "Er sah so normal aus. Unauffällig." Ihr Sohn René bediente ihn. Angeblich soll Mengele 1979 gestorben sein. Doch es gibt Personen, die bezeugen, ihn danach noch gesehen zu haben, wie Simon Wiesenthal berichtet. Die Zweifel am Tod Mengeles weckten die Neugier ausländischer Journalisten. Viele kamen nach Paraguay und versuchten, Informationen aus den deutschen Siedlungen zu bekommen. Doch sie prallten an der kollektiven Schweigemauer der Dorfbewohner ab: "Sie sind hier unerwünscht". Obwohl viele Jahre seit der NS-Diktatur vergangen sind, bleiben die Spuren, die sie in den Biografien der Menschen hinterlassen hat, unaus-löschbar: Das Mißtrauen, die Abwehr und die Vortäuschung falscher Identitäten ist ein Teil ihrer Persönlichkeit geworden. Ingeborg Weise hat Hohenau nie wiedergesehen: "Ich wollte nicht mehr zurück". 1984 kam sie mit ihren drei Kindern nach Berlin. Die rechtsextremen Ausschreitungen in unserem Land beängstigen sie: "Nach allem, was Deutschland erlebt und angerichtet hat, müßten die Menschen doch jetzt klüger sein..." Das Magazin, April 1994 Heike Olbrich |
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HEIKE OLBRICH |
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